Wie gehen wir mit uns Menschen um?

(c) unsplash (Marcelo Leal)
(c) unsplash (Marcelo Leal)

Wir erleben gerade eine Situation, die alle Bereiche unseres Lebens durcheinander wirft. In der uns Probleme in einer neuen Deutlichkeit vor Augen geführt werden. Beispielsweise Netzabdeckung, Digitalisierung von Behörden, digitaler Unterricht und damit Chancengleichheit in der Bildung.

 

Ein weiter Bereich, in dem ich wahrlich keine Expertin bin, ist das Feld der Pflege. Seit über einem Jahr lesen und hören wir, dass Intensivabteilungen in Krankenhäusern am Limit sind, ach neh: nicht überlastet werden sollen, dass Arbeitsverhältnisse unwürdig sind. Wir lesen und hören von Kranken, die sterben, ohne sich von ihren Angehörigen verabschieden zu können. Wir lesen und hören von nicht vorhandenem Arbeitsmaterial, von Personalmangel, Doppelschichten, Schicksalen, Überlastung und vielem mehr.  

 

Was können wir tun?

Irgendwann hieß es, wir sollen uns auf den Balkon stellen und klatschen. Ich habe nicht geklatscht. Nicht weil ich nicht denke, dass es der Einsatz von Pflegekräften nicht verdient hätte. Ich fand es beschämend, auf all die Probleme und Schwierigkeiten mit Applaus zu reagieren. Später war die Rede von Zulagen für Pflegekräfte und Krankenhäuser, einer Art Leistungszulage, davon, dass Krankenhäuser nicht auf ihren Kosten sitzen bleiben. Durch persönliche Kontakte weiß ich, dass diese finanziellen Ausgleiche nicht immer dort angekommen sind, wo sie gebraucht werden. Aber das ist gar nicht mein Thema, mein Thema ist ein viel grundsätzlicheres:

 

Wie kann das sein?

Wie kann es sein, dass wir in einem Land des Überfluss leben, und es trotz aller Transparenz, die inzwischen vorliegt, trotz aller Öffentlichkeit, und trotz aller Besorgnis, die darüber bei jedem einzelnen inzwischen da sein müsste, nichts ändert? Nicht erst seit der Pandemie wissen wir, dass Pflege ein unterbezahlter Knochenjob ist. Schon vor Jahren gab es Berichte darüber, dass eine Arztpraxis mehr Geld mit einem tollen Gerät verdienen kann, als mit Zeit für Patienten. Ich bin Projektleiterin und verdiene gutes Geld. Und natürlich freue ich mich darüber. Aber da gibt es Andere, die an dem wichtigsten arbeiten, dass wir in unserer Gesellschaft haben: Menschen. Und die sollen mit Applaus ihre Miete bezahlen?

 

Der Markt soll das regeln!

Ah stimmt, der Markt. Krankenhäuser waren früher öffentlich und haben Verluste gemacht. Heute sind sie privat und machen Gewinne. Ich gebe zu, eine platte Formel, aber das erscheint mir die logische Zielsetzung dahinter. Verbessert sich dadurch der Dienst am Menschen? Ich glaube nicht. Rein marktwirtschaftlich gedacht: was uns wichtig ist, dafür geben wir Geld aus. Nun ist es aber so, dass bestimmte Leistungen nicht durch einzelne "bestellt" werden - Ich zahle nicht 100 Euro für "Meine Autobahn", sondern zahle eine Kfz-Steuer in der Erwartung, dass der Staat mein Geld gut verwaltet und mir im Gegenzug eine Straßen-Infrastruktur bereitstellt. Ähnlich verhält es sich auch mit Pflege und Krankheit. So ziemlich jede:r von uns ist (Zwangs-)Mitglied einer Krankenkasse in der Erwartung, dass wir auf die entsprechende Infrastruktur zurück greifen können. Jetzt frage ich: Wo findet die Diskussion über die Ziele dieser Infrastruktur statt? 

 

Was kann der Markt tatsächlich regeln? 

Wenn ich es richtig verstanden habe, gibt es klare Kataloge: Für die Leistung x bekommt der Dienstleister y Euro. Die spannende Frage ist doch: Wer schreibt diese Kataloge? Auf welcher Grundlage? Wollen wir Personalkosten niedrig halten? Warum? Wollen wir Fluktuation in diesem Arbeitsfeld in Kauf nehmen (Das google-Suchwort hierzu lautet "Pflexit")? Darf menschenwürdige Pflege zu einem Luxusgut werden?  

 

Was sind unsere Ziele in der Pflege? 

Hier schließt sich der Kreis zu den Themen, in denen ich tatsächlich Expertin bin: Ich frage mich, auf welcher Grundlage im Themenfeld Gesundheit Entscheidungen getroffen werden? Was sind hier die langfristigen Ziele? Auf welchen Werten fußen sie? Und was stimmt nicht bei Caritas und Diakonie, wenn sie den Tarifvertrag für Altenpflege ablehnen? Und last but not least: Wo wird die Diskussion darüber geführt???

 

Was denkt Ihr darüber? Rege ich mich völlig zu unrecht auf? Habe ich wichtige Zusammenhänge nicht oder falsch verstanden? Dann bitte ich um Infos in den Kommentaren oder direkt. Und ich freue mich über Hinweise, was ich zur Verbesserung der Situation beitragen kann - jenseits vom Klatschen! 

 

 

Meine wichtigsten Quellen: 

https://twitter.com/RicardoLange4

https://www.kma-online.de/blog/artikel/vier-szenarien-wie-ein-pflexit-aussehen-koennte-a-45545

https://www.tagesschau.de/wirtschaft/konjunktur/bezahlung-pflegekraefte-101.html

https://www.rnd.de/politik/einigung-in-der-pflege-gute-tarifvertraege-muessen-erkaempft-werden-KCOQLVRUWJGLPACMBOIZDSF2RI.html

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Kommentare: 2
  • #1

    Müller, Andreas (Dienstag, 01 Juni 2021 20:20)

    Ist Klatschen nicht ein erster Schritt zu zeigen, das die Arbeit die dieses Menschen leisten honoriert und nicht vergessen wird?
    Von einem „Das hat sehr gut geschmeckt“ kann ein Koch auch keinen Unterhalt bezahlen-aber er erfährt Anerkennung für seine Arbeit...

  • #2

    Petra (Mittwoch, 02 Juni 2021 08:40)

    Hallo Andreas, Danke für Deinen Kommentar! Da hast Du natürlich recht, Applaus im Theater und das Kompliment an den Koch finde ich absolut sinnvoll. Allerdings war das doch eher so, als würde ich außerhalb des Restaurants meinem Auto sagen, wie lecker es war, das hat mich persönlich nicht überzeugt.